Darüber, was es heißt, erwachsen zu sein

15. September 2017


Als ich mit meinem Studium anfing, war ich schon durch meinen Wehrdienst etwas älter als die Meisten um mich herum, doch auch im Umgang unterschied ich mich stark von denen, die direkt von der Schule zum Studieren gekommen waren. Diese Beobachtung teilte auch ein Kommilitone, der schon 25 war und bereits in München studiert hatte. Wer direkt aus dem festen, schulischen Umfeld kam und noch nicht einmal dem Elternhaus „entflohen“ war, verhielt sich sichtbar anders als die Erstsemester, die bereits für längere Zeit auf sich gestellt waren. Letztere waren ungezwungener, agierten entschlossener, und traten offener gegenüber anderen auf, was wiederum erste einschüchterte, die noch etwas brauchen sollten, bis sie sich daran gewöhnten, dass es keine Lehrer mehr gibt, die sie mit festem Stundenplan durch den Unialltag führen. Auch erinnere ich mich noch daran, wie ich in meiner ersten WG für meinen Mitbewohner bei der Internetprovider-Hotline anrufen musste, da dieser sich, obwohl er Vertragsinhaber war, schlicht nicht traute. War die zweite Gruppe der Studenten erwachsener als die Erste? War ich in der Situation erwachsener als mein Mitbewohner? Was heißt es eigentlich, erwachsen zu sein und woran macht man das fest?

Es hängt zunächst einmal davon ab, was man als Erwachsen sein begreift und was man persönlich für Erwartungen hat, weswegen es auch eine Vielzahl an unterschiedlichen Definitionen gibt, daher will ich mich hier mal auf fünf sich doch unterscheidende Definitionen konzentrieren und diese diskutieren.

1) Die juristische Definition: In Deutschland gilt jemand, der das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat, bis auf ein paar Ausnahmen, als erwachsen und voll geschäftsfähig. Auch wenn Menschen in unterschiedlichem Alter erwachsen werden, manche früher, manche später, manche vielleicht sogar nie, braucht der Staat jedoch eine für alle gleichermaßen geltende Definition, und hier ist es letztendlich eine staatlich definierte Erwartung an einem Wert, der für alle gleich schnell voranschreitet, der Lebenszeit. Es wird erwartet, dass man mit 18 in der Lage ist, für sich selber Verantwortung zu übernehmen und seine Entscheidungen selbstständig trifft. Dass die Realität eine andere ist, zeigt sich leider nur zu oft,  aber die meisten anderen Möglichkeiten wären wohl zu aufwendig und würden dem Missbrauch Tor und Tür öffnen.

2) Die positivistische Definition: Als ich das Thema mit einem Freund besprochen habe, nannte er eine Definition, die ich sehr sympathisch fand, da sie eine charakterlich positive Grundhaltung enthielt. „Erwachsen ist für mich jemand, der in der Lage ist, ein Kind gut großzuziehen.“ Eine Definition, die explizit auf eine elterliche Rolle des erwachsenen Menschen eingeht, und von diesem auch fordert, Vorbild zu sein. (Dazu in einem späteren Beitrag mehr.) Es ist ein Verständnis, von Erwachsensein, das recht umfassend ist. Es erfordert die eigene Fähigkeit, andere zu versorgen, einen Charakter, der zum Vorbild taugt, und die Geduld, die in der Kindererziehung notwendig ist. Doch stellt sich die Frage, ist ein „schlechter Mensch“ dann nicht erwachsen?

3) Die wertneutrale Definition: In dieser Definition wird Kindheit als das zurecht finden in der Welt betrachtet, und das Erwachsen sein an ein festes Wertepaket gebunden, ohne Wertung, ob dies moralisch vertretbar ist. Nach dieser Definition ist jemand erwachsen, der weiß, wofür er bereit ist zu leben, zu kämpfen, zu sterben und zu töten, und der ein Grundmotiv gefunden hat, worunter er sein komplettes Handeln stellen kann. Jemand, der für sich selber diese Fragen beantwortet hat, muss nicht mehr viel über sein Leben nachdenken, er weiß, wo er hin will, und was er wofür bereit ist zu opfern.

4) Die Selbstständigkeitsdefinition: Erwachsen ist jemand, der sein Leben auf die Reihe bekommt. Eine Definition, an der wenig auszusetzen ist, und die den Menschen als jemandem der betrachtet, der in der Lage sein soll, unabhängig zu handeln, und sich um sich selbst kümmern können muss. Nach dieser wird die Kindheit darüber definiert, dass man Hilfe braucht, zurecht zu kommen, und Stück für Stück lernt, nach sich selber zu gucken, und der Punkt, an dem man nicht mehr auf seine Eltern angewiesen ist, auch der Punkt ist, an dem man als Erwachsen betrachtet werden kann. Doch was ist dann erwachsenes Verhalten?

5) Die selbstlose Definition: Eine weitere, unvollständige Definition ist die, in der man erwachsen ist, wenn man gelernt hat, sich selbst nicht immer an erste Stelle setzen zu müssen, sondern auch gelernt hat, zu teilen, und an andere zu denken. Auch wenn so etwas zunächst eine gute Eigenschaft ist, so ist dieses Verständnis weder abschließend noch konkret.

Letztendlich ist das, was man als erwachsen versteht, sehr von den eigenen Erwartungen abhängig, und ob Erwachsen sein für jemanden eine positive oder eine neutrale Eigenschaft ist. Erwachsen zu sein zeigt sich letztendlich nicht einfach nach klassischen Kriterien, sondern durch das eigene Verhalten, in bestimmen Situationen, und es sollte unser Ziel sein, dass man, durch das Verhalten, durch den Umgang mit anderen Menschen und mit eigenen Herausforderungen, von Dritten jederzeit als Erwachsen bezeichnet werden kann. Unabhängig von dem, was jene Beobachter darunter verstehen mögen.

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